Frieden braucht Werte.

Egon-W-Kreutzer.deVon Egon Wolfgang Kreutzer | Egon-W-Kreutzer.de | – Gestern, am Mittwoch, erhielt ich die Zuschrift eines regelmäßigen Lesers meiner Artikel, den ich mit Hochachtung als einen gottensfürchtigen Mann bezeichnen möchte. Er ging auf den letztenArtikel  ein und auf die jüngsten Äußerungen meiner Kunstfigur „Priester Messident(Anm. v. Julie: Siehe auch Startseite Egon-W-Kreutzer.de) .

Dabei griff er meine Kritik am Verfall des Christentums in Europa auf und ermahnte mich freundschaftlich, meine gelegentlich vorkommenden Bezüge auf Gott weniger satirisch zu gestalten, sondern, zur Wahrung der christlichen Werte bei den noch dafür Empfänglichen, eher ernsthaft an den Kern des christlichen Glaubens, nämlich die darin enthaltene Zukunftsverheißung, zu erinnern und auch die Gefahr eines „ewigen Getrenntseins von Gott“ zu erwähnen.

Meine persönliche Lebensgeschichte hat eine Phase intensiver Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben und einiger seiner real existierenden, in unterschiedlichen christlichen Religionsgemeinschaften betriebenen Spielarten mit sich gebracht.

Diese Phase endete für mich mit dem Abschied von dogmatischen Lehren und der Suche nach einem größeren, umfassenden Bild, aus dem für mich der Sinn des Lebens zu erkennen wäre.

Wo es mir sinnvoll erscheint, nehme ich auch allerdings auch heute noch Bezug auf die eine oder andere Aussage der christlichen Lehre, dich ich ja nicht pauschal ablehne, wie ich auch die vorchristliche Geschichte, wie sie im Alten Testament bewahrt wird, nicht ablehne, sondern zu verstehen und in meinem Bild einzuordnen versuche.

Beim Beantworten dieser E-Mail bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Erklärungen, die ich da über mich und mein Weltbild abgegeben habe, durchaus auch geeignet sind, einem größeren Kreis, der längst weiß, wie ich ticke, Gelegenheit zu geben, einen Blick auf die „Feder“ im Uhrwerk zu ermöglichen, die das Ticken antreibt.

Sehr geehrter Herr ….,

herzlichen Dank für Ihre weiterführende Kommentierung meiner Aufsätze. Sie haben mich neugierig gemacht, auf die Person, die mir diese Gedanken vermittelt. (…)

Anders als Sie, betone ich beim Verlust der christlichen Werte sehr viel mehr die erkennbaren gesellschaftlichen Auswirkungen des sich bildenden Vakuums, als möglicherweise drohende Gefahren für das Seelenheil und das ewige Leben. Dies hat „taktische“ Gründe, denn die Abwendung von der Lehre, ja ihre gelebte Ablehnung, wird automatisch auf jeden übertragen, der aus dieser Lehre heraus argumentiert. Hier droht die Unwirksamkeit des Rufers in der Wüste.

Die taktischen Gründe sind es aber nicht alleine. Meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Christentum, die ohne eine Auseinandersetzung mit dessen Wurzeln nicht möglich ist, hat meine eigene Religiosität in einen ganz anderen Bezugsrahmen versetzt. Ich habe mich, jedenfalls empfinde ich es so, von allem Dogmatismus frei gemacht.

Übriggeblieben ist eine sehr klare Idee von einem gewollten Entwicklungsprozess, an dem jeder Mensch beteiligt ist. Zugleich ist dieser Entwicklungsprozess ein Lernprozess, der sich in einem Menschenleben nicht erschöpft, sondern über unfassbar lange Zeiträume und unendlich viele Generationen hinweg zu einer Reife führen wird, von der wir noch keine Vorstellung haben, obwohl wir in der Lage sind, diesen Prozess zu hemmen, umzulenken, oder zu befördern, zu bereichern, zu beschleunigen.

In Band II meiner Buchreihe

„Wolf’s wahnwitzige Wirtschaftslehre“ – Globale Konzepte

habe ich folgendes vermerkt:

Da ist er wieder, der Sieger, der im k.o.-System einen Konkurrenten nach dem anderen geschlagen hat, der die glücklichen Umstände, die dazu führten (weil er sie ja erkannt und ausgenutzt hat) für sein eigenes Verdienst hält. Der einsame Sieger und Genießer, der die gesamte genetische Information, die das Leben selbst gesammelt und in seinem Körper materialisiert hat, für sein alleiniges Eigentum hält.

Der Narr, der in sich selbst schon Ziel und Endpunkt der Entwicklung des Universums sieht, und nicht begreifen kann, dass die notwendige Weiterentwicklung, hin zu einem noch völlig nebulösen Endpunkt des Lebens und der Zeit, nur aus der Vielfalt und Unterschiedlichkeit gespeist werden kann, die unser Planet hervorgebracht hat.

und, einige Seiten weiter:

Und obwohl keiner von uns den Sinn des Lebens wirklich kennt, kommen wir ganz langsam auf sicheren Boden zurück, weil wir aus der Beobachtung des Lebens vielleicht nicht seinen endgültigen Sinn und Zweck erkennen können, aber doch zumindest mit Vernunft und Logik zu der gar nicht verblüffenden Aussage kommen, dass das Leben ganz offensichtlich danach strebt, sich zu reproduzieren und in wechselnden Gestalten durch die Zeit zu ziehen.

Dabei haben wir beobachtet, dass es sich unter veränderten Bedingungen wandelt und offenbar zu immer höheren Formen entwickelt, wir haben gesehen, dass das Leben insgesamt in der immerwährenden Umgestaltung der Biosphäre pulsiert und sich in Artengemeinschaften gruppiert, die sich in hochkomplexen Bezügen gegenseitigen Nutzen verschaffen, bis hin zur Vielfalt unterschiedlichster Nahrungsketten.

Wir können aus dieser Erkenntnis heraus mit sehr hoher Wahrschein- lichkeit annehmen, dass die Funktionsfähigkeit und der Formenreichtum der Biosphäre außerordentlich wichtig sind, um den Sinn des Lebens zu erfüllen. Daraus lässt sich folgern, dass Schädigungen der Biosphäre grundsätzlich schlecht sind, und dass jede Ausweitung und Bereicherung der Biosphäre grundsätzlich gut ist.

Mit dieser Folgerung haben wir einen elementaren Grundwert gefunden und sind am zentralen Ausgangspunkt eines möglichen Wertesystems angekommen. Ein Grundwert, der einfach nachvollziehbar und verständlich ist, und der den Vorteil größtmöglicher Neutralität hat, weil seine Anwendung weder irgendeinem einzelnen Menschen, noch einer Gruppierung von Menschen einen spezifischen Vorteil oder Nachteil verschafft.

Eigentlich sollte der allgemeinen Akzeptanz dieses Grundwertes nichts entgegenstehen. Doch ist leicht vorhersehbar, dass die schier unentwirrbare Komplexität des globalen Beziehungsgeflechtes mit einem atemberaubenden Sturzbach von „Wenn und Aber“ auf die Vorstellung dieses Grundwertes reagieren wird. Die Bandbreite der Reaktionen mag von euphorischer Zustimmung auf der einen Seite bis zu vehementer Ablehnung auf der anderen Seite reichen und darin, in logischer Konsequenz, die verwirrende Vielfalt der bestehenden Werte- und Bezugssysteme sichtbar machen, die in unserer Zeit ohne gemeinsame Basis nebeneinander existieren.

Diese Vielfalt der Auffassungen führt zwar dazu, dass die einzelne Meinung kaum noch wahrgenommen wird, aber die Anstrengungen zur Überwindung der Gegensätze werden dadurch nicht leichter. Die Anschauungen darüber, was gut und was böse, was ehrens- oder verachtenswert sei, laufen immer schneller immer weiter auseinander. Die bedrohliche Spannung im Gefüge der Gesellschaft verstärkt sich ständig, und fordert die Einigung auf eine gemeinsame Basis geradezu heraus.

Die Biosphäre nicht nur als Lebensraum, sondern als „das Leben selbst“ zu begreifen, das ist die Herausforderung. Das volle, pralle Leben hat, mit dem Drang, sich auszubreiten, den Gleitschirm für den Samen des Löwenzahns genauso erfunden und gebaut wie die hochseetüchtigen Nussschalen der Kokospalme. Dieses volle, pralle Leben als den Stamm zu akzeptieren, an dem auch wir gewachsen sind, das ist die Aufforderung, die es an uns richtet.

Es ist nicht der Mensch, der dabei ist, den Sprung auf  andere Planeten zu erproben, es ist das Leben selbst! Diese Erkenntnis dämmert uns nur langsam, doch sie ist von der gleichen Bedeutung, wie die Erkenntnis, dass die Erde weder eine Scheibe, noch der Mittelpunkt des Universums ist. Erkenntnisse von so außerordentlicher Bedeutung sind allerdings immer auch eine Bedrohung für den Status quo, für lieb gewonnene Besitzstände, für Gewohnheiten und für die Sicherheit derer, die bis dahin eine andere, vielleicht sogar konträre Auffassung vertreten haben.

Wer die gesamte Biosphäre unter Schutz stellt, weil er sie mit dem „Leben an sich“ gleichsetzt, wer dabei die Trennung zwischen Mensch und Umwelt aufgibt und an ihre Stelle die Idee einer ganzheitlichen Lebenssphäre setzt, in der sich temporär auftretende, individuelle Manifestationen des Lebens aus Geist und Materie in steter Weiterentwicklung über die Zeit abwechseln, der muss nicht nur mit dem oberflächlich vorgetragenen Vorwurf, es handele sich dabei um nichts anderes, als um einen Rückfall in das naive Gedankengut des Totemismus der Medizinmänner und Schamanen rechnen, er muss sich auch mit weitaus kritischeren Fragen auseinander setzen, und vor allem muss er sich auf den massiven Widerstand einrichten, der aus der Ignoranz entspringt, und der durchaus als das geistige Pendant zu den Trägheitsgesetzen der materiellen Welt angesehen werden kann.

Ebenso muss er damit rechnen, dass er bei vielen Menschen genau jene naiv-übereifrige Zustimmung finden wird, die jeder guten Sache schadet, weil das Ergebnis solchen Übereifers bedauerlicherweise oft mit dem übereinstimmt, was die destruktive Kritik als das eigentlich angestrebte Ziel, oder als die „in Wahrheit“ unweigerlich zu erwartende Folge darstellt.

Dabei ist es so einfach, den nötigen Abstand zu den Extrempositionen zu gewinnen. Wir müssen weder den Vorgarten verwildern lassen, um gefährdeten Mottenarten den Fortbestand zu sichern, noch brauchen wir den Kampf gegen den Malaria-Erreger und die Tse-Tse-Fliege als „den Kampf gegen das Leben“ anzusehen.

Natürlich darf weiterhin Erz geschmolzen werden, natürlich dürfen wir gesunde Bäume fällen, um Möbel herzustellen, und es besteht kein Anlass, im blinden Eifer unsere Chemiefabriken abzuwracken und alle künstlichen Stoffe zu unschädlichen Ausgangsmaterialien zurückzuentwickeln. Weder Automobile noch Flugzeuge müssen als „Teufelszeug“ von der Welt verbannt werden“.

Denn solche übertriebenen Forderungen vernachlässigen die Tatsache, dass unser weit entwickelter Intellekt, unser individuelles Bewusstsein, unsere Fähigkeit zu bewussten, freien Entscheidungen, selbst Ergebnisse der Evolution sind. Deshalb müssen wir nichts davon aufgeben! Der Unterschied zum bisher so unbesorgten Umgang mit dem Inventar der Biosphäre ist der, dass wir es jetzt lernen müssen, unsere Fähigkeiten so einzusetzen, dass wir nicht „versehentlich“ die Lebensgrundlagen zerstören, auf die wir angewiesen sind.

Der Kahlschlag von Wäldern, das rasant fortschreitende Versiegeln der Böden, der großzügige Einsatz der chemischen Keule gegen echte und vermeintliche Schädlinge, der Missbrauch der Ozeane als wilde Müllkippen für jedermann und das Recht zum ungebremsten Ausstoß von klimaschädlichen Gasen, das sind die Vorgänge, die dem Grundwert „Schutz der Biosphäre“ zuwiderlaufen.

Als Mensch ganz bewusst die menschlichen Fähigkeiten einsetzen, um den Fortbestand des Lebens zu sichern und seine weitere Entwicklung zu unterstützen, ist eben nicht das Gleiche, wie der aus Resignation und Mutlosigkeit entstandene, nur in der Selbstaufgabe realisierbare Versuch, dem Chaos eine neue Chance zu geben, und die längst gefallenen Würfel in den Becher zurückzuzwingen.

Viele konservative Kräfte werden sich, wie im Vorfeld jeder wichtigen Veränderung, sehr intensiv damit beschäftigen, die Umstellungsschwie- rigkeiten, die ungeheuren Reibungsverluste, den nicht zu verantwortenden Verlust bereits investierten Kapitals und bestehender Infrastruktur zu beschreiben. Es sei verrückt, werden sie sagen, alles was gut und bewährt ist, aufs Spiel zu setzen, und blauäugig in eine ungewisse Zukunft zu marschieren. Solche heuchlerischen Schutzbehauptungen, mit denen die Veränderung selbst diskreditiert werden soll, sind jedoch nichts Neues.

Auch opulent ausgebreitete Schreckensszenarien von unausweichlicher Massenarbeitslosigkeit, vom Zusammenbruch der Wirtschaft und der Staatsfinanzen, sowie vom Verlust wichtiger Fähigkeiten in der Kernkraft- und Biotechnologie sind nichts wirklich Neues, sondern nur die gebetsmühlenhaft wiederholten Argumente, die bei jedem Eingriff in die Besitzstände und die Freiheiten der Wirtschaft zu hören sind.

Die Notwendigkeit, den Kurs zu ändern, ist durch solche Argumente nicht zu widerlegen, und die Trägheit des Systems, das wir beeinflussen wollen, ist der beste Schutz vor unbesonnenen Überreaktionen. Diese Trägheit erinnert aber auch daran, dass keine Zeit zu verlieren ist, wenn wir die Wende schaffen wollen, bevor es zu spät ist.

Die Chancen sind gut! Erinnern wir uns daran, wie es den ersten Gruppen engagierter Umweltschützer gelungen ist, in wenigen Jahren bei der Bevölkerung die Zustimmung zu finden, die ausreichte, um die Grünen in Deutschland in die Regierungsverantwortung zu bringen. Warum sollte der weitergehende Ansatz, die immer noch bestehende, gedankliche Trennung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt aufzuheben, nicht ebensolche Zustimmung finden?

Warum sollte die Erkenntnis, dass der Schädling sich selbst schädigt, der Beschützer sich selbst beschützt, weil alles Leben „eins“ ist, nicht noch viel stärker wirken, als die melodramatischen Aufrufe zur Rettung des großen Brachvogels, der Gelbbauchunke oder der letzten europäischen Hochmoore?

Ist nicht die eigene Betroffenheit letztlich immer die stärkste Antriebskraft geblieben, über allen guten und wohlgemeinten Altruismus hinaus? ´

Hat nicht, um den Beweis am negativen Beispiel anzutreten, viel zu oft ein schnell hingeworfenes Arbeitsplatzversprechen genügt, um die Gewissens- entscheidung der Verantwortlichen gegen die Umwelt zu wenden?

Erst ein umfassenderes Verständnis des Lebens wird den Blick schärfen für die Unterschiede zwischen jener Art von Geschehnissen, die als natürlicher Weiterentwicklungsprozess ablaufen, die also dem Kreislauf von Leben, Tod und neuem Leben entsprechen, und jenen anderen Geschehnissen, die diesen Kreislauf unterbrechen, ihm die Ressourcen entziehen und die Gleichgewichte nachhaltig zerstören.

Wenn wir aufhören, den Raubbau am Regenwald nur als die sicherlich bedauerliche Folge eines ständig wachsenden Holzbedarfes anzusehen, wobei unsere ganze Sorge darauf ausgerichtet ist, dass es hoffentlich rechtzeitig gelingen möge, Ersatzstoffe zu entwickeln, bevor das Holz zu Ende ist; wenn wir statt dessen begreifen, dass mit dem Abholzen großer Flächen dem Leben selbst eine verheerende Wunde geschlagen wird, dann werden wir endlich auch in der Lage sein, Ideen hervorzubringen, die den Schaden vermeiden.

Es werden dies Ideen sein, die sich nicht mehr länger in einfachen und beliebig zu umgehenden Vorschriften, Verboten, neuen Steuern oder neuen Subventionen erschöpfen. Es werden dies Ideen sein, die in völlig neue Richtungen weisen, weil der anerkannte Grundwert den ernsthaften Gedanken an Maßnahmen, die dem Leben abträglich sind, gar nicht mehr aufkommen lässt.

Die Menschheit wird eines Tages den rigorosen Raubbau an der Substanz der Regenwälder mit dem gleichen Abscheu bewerten, wie den Krieg. Nicht wegen der Brutalität, nicht wegen der Grausamkeiten, nur wegen der sinnlosen Vernichtung von Leben, wegen der Verarmung der Biosphäre, wegen der mutwilligen Störung der Entwicklung auf ein Ziel hin, das wir nicht kennen.

Unsere bisherige Unfähigkeit, den Sinn des Lebens zu erkennen, darf nicht länger Freibrief und Rechtfertigung für die Annahme sein, es gäbe keinen Sinn des Lebens und folglich auch keine daraus ableitbaren Rechte und Pflichten, Gebote und Verbote. Das Leben darf nicht länger als das schutzlose Objekt von Willkür und Neugier jeder Ausbeutung preisgegeben werden, nur weil ein „wirtschaftliches Interesse“ dies nützlich erscheinen lässt.

Wir werden aus dem Kreislaufwirtschaftsgesetz, das nur so heißt, ein Kreislaufwirtschaftsgesetz machen müssen, das auch eines ist. Wir werden Prozesse, die Sachwerte vernichten, um Geld zu konzentrieren, als lebensfeindliche Prozesse erkennen, und kein Unternehmer wird solche Projekte noch anstoßen wollen, weil sie dem Wertesystem der Weltgesellschaft ebenso widersprechen, wie die Verklappung von Gift im Meer. Wir werden einen Eigentumsbegriff entwickeln, der jedem Menschen ein unveräußerliches Miteigentum an der Welt verschafft, genauso wie wir allen anderen Erscheinungsformen des Lebens ein grundsätzliches Recht auf Lebensraum zubilligen werden.

Wir werden am Ende vor der Erkenntnis stehen, dass uns die Evolution die Verantwortung für alles Leben übertragen hat.

Das Leben hat in uns die Form gefunden, die seine bisherige, auf Versuch und Irrtum der Evolution beruhende Weiterentwicklung ergänzen kann, durch eine verantwortlich gesteuerte Entwicklung auf bewusst formulierte Ziele hin. Wenn wir damit fortfahren, die Möglichkeiten, die uns hochentwickelten Lebewesen zugewachsen sind, ausschließlich oder überwiegend egoistisch wahrzunehmen, ohne endlich auch die Gesamtverantwortung anzunehmen, die uns damit vom Leben selbst angetragen wurde, wird uns die Evolution wieder ein- und überholen müssen. So, oder so.

Auf unserer Suche nach einem vernünftigen Wertesystem haben wir also den Punkt gefunden, an dem der Hebel anzusetzen ist, und von da aus ist auch schon zu erkennen, wie die komplette Hierarchie der Werte aussehen könnte, wenn aus dem ersten Grundwert ein in sich schlüssiges System entstanden sein wird.

Ehrfurcht vor dem „Leben an sich“, so wie wir es jetzt definiert haben, schließt die Unterstützung des Lebens bei seiner Weiterentwicklung und die Förderung seiner Ausbreitung ein, genauso wie sie das Leben gegen Missachtung, gegen die Störung seiner Entwicklung und gegen Angriffe auf seine Substanz verteidigen wird. Diese Ehrfurcht kann aber nicht in einer statischen Betrachtung verharren, sondern muss den Kreisläufen und Wellenbewegungen des Lebens Rechnung tragen, seine ständige Veränderung in fließenden Gleichgewichten unterstützen.

Die Ehrfurcht vor dem Leben schließt das Wissen um das Werden und Vergehen ein, und sie akzeptiert, dass sich durchaus unterschiedliche Erscheinungsformen im Werden und Vergehen abwechseln.

Deshalb werden wir die heute noch vorherrschende Klassifizierung von Lebewesen in Nützlinge und Schädlinge, in Kraut und Unkraut, in vielen Einzelfällen revidieren müssen und unsere Eingriffe viel stärker auf Schadensbegrenzung auszurichten haben, als, ohne Rücksicht auf natürliche Kreisläufe, die prophylaktische Vernichtung von vermeintlichen Nahrungskonkurrenten zu propagieren.

Letztlich werden wir auch herausfinden müssen, ob und wie die heute auf dem Planeten anzutreffende, sehr große Zahl von Menschen, zum Wachstum und zur Bereicherung des Lebens beitragen kann, und wenn es hierfür keine Antwort gibt, dann wird zu fragen sein, wie viele Menschen die Erde tragen kann, ohne dass das Leben insgesamt darunter leidet.

Soweit das Zitat aus “Wolf’s wahnwitziger Wirtschaftslehre Band II”.

Entschuldigen Sie den langen Auszug, doch bringt er meines Erachtens recht gut zum Ausdruck, woran ich glaube. Und wenn Sie für meinen Begriff „Leben“ Ihren Begriff „Gott“ setzen, oder auch „die Liebe Gottes“, dann sind wir auf der gleichen Basis, nur noch getrennt von den dogmatischen Irrtümern der institutionalisierten Religionswirtschaft.

Doch es gbt noch einen weiteren Unterschied, der – soweit ich es beurteilen kann – darin besteht, dass Sie den eifernden und rächenden Gott des Alten Testaments noch ebenso ehren, wie Sie die von seinem (charakterlich ganz anders angelegten) Sohn verkündete, baldige Errichtung des Reiches Gottes erwarten, in welcher sich dann allerdings wieder der richtende, vorchristliche Gott offenbaren soll, während ich meine Kraft und meine Grundeinstellungen daraus beziehe, dass ich an dem oben angesprochenen Prozess „sinnvoll und nützlich“ teilnehmen kann, was sich dann in den Wirkungen fast vollständig mit den Verhaltensregeln der christlichen Lehre deckt.

Dass ich in meinen Schriften immer wieder auf die Wichtigkeit von Religiosität und den mit ihrem Verlust einhergehenden Verlust gemeinsamer Werte eingehe, ist kein Widerspruch.

Jede überlebensfähige Gemeinschaft ist auf einen innersten, von allen anerkannten und gelebten Wertekanon angewiesen. Dabei ist es in erster Näherung gleichgültig, worin dieser Wertekanon besteht. Sein Wert liegt nicht in den konkreten Ausprägungen der Inhalte, sein Wert liegt in der gemeinschaftlichen Akzeptanz, aus der kritiklosen Anerkennung aller daraus abgeleiteten moralischen, ethischen und gesetzlichen Regelungen, auch aus der kritiklosen Anerkennung der aus diesem Kanon erwachsenden Zielsetzungen.

Das ist es, was „ein Volk“ ausmacht. Die Fürsten zur Reformationszeit wussten das, und haben dafür gesorgt, dass unter ihrer Herrschaft entweder nur Katholiken oder nur Evangelische frei leben durften.

Die Weltenlenker heute wissen es auch und scheuen weder Kosten noch Mühe, die gemeinsamen Werte der Völker zu schleifen, den Individualismus herauszuheben und ihn zugleich (und das ist besonders perfide) in jeder Erscheinungsform für „dem Nächsten gleich wert“ darzustellen. So wird aus festgefügtem Beton durch Zugabe der Säure der persönlichen Eitelkeit wieder ein Häufchen ungebundener Sandkörner und Kieselsteine, die dann bestenfalls noch als „Wanderdüne“ für eine Weile beisammenbleiben, bevor sie sich aneinander zu Staub abgeschliffen haben und vom Winde verweht werden.

Es kommt den destruktiven Kräften nur soweit auf die spezifischen Eigenschaften des „Bindemittels“ an, als ihre Kenntnis ihnen hilft, den Zersetzungsprozess optimal zu steuern. Hier setze ich Ideologien mit Religionen gleich, denn ob der Krieg gegen eine kommunistische Gesellschaft geführt wird, oder gegen eine hinduistische, gegen eine jüdische oder eine muslimische, gegen eine christliche oder eine sozialistische, das ändert nichts am Ziel, es ändert nur die Wahl der Mittel, die in aller Regel nur in Projektionen bestehen, in denen dem Einzelnen vorgespiegelt wird, wie frei er seine persönlichen (überwiegend materiellen) Ziele erreichen könnte, wäre er nicht in Regeln eingebunden, die seine Entwicklung behindern.

Also ermuntert man die Menschen, das statische Gerüst, das sie trägt, als ein Gefängnis zu empfinden. Je mehr sich lösen, je mehr sich gegen die Regeln verhalten, desto näher rückt der Zusammenbruch.

In dem von mir geschilderten Entwicklungsprozess handelt es sich dabei jedoch nicht um eine Macht des Bösen, um den Plan Satans, sondern um Irrtümer, Fehlentwicklungen, Mutationen, die immer wieder und so lange auftreten, bis „das Leben“ diese Lektion gelernt hat und im gemeinsamen Gedächtnis nicht nur die Anzeichen und Indizien, sondern auch die sinnvollen Reaktionen abrufbereit zur Verfügung stehen.

Damit lässt sich auch eine Antwort auf die Frage geben: Warum muss es immer wieder Krieg geben? Warum ist die Gier so groß? Warum stehen sich die Menchen feindlich gegenüber?

Die Antwort mag unbefriedigend klingen, doch sie lautet einfach: Weil im Gedächtnis der Menschheit die Lösung für diese Probleme noch nicht in einer gültigen und wirksamen Form verankert ist. Wir üben noch. Wir müssen weiter üben.

Und jeder, der sich da einreiht, wo darum gerungen wird, Feindschaft, Gier und Krieg zu überwinden, hilft mit, diese Lösung zu finden. Sie kann nicht in ewiger Rache bestehen, soweit sind wir wohl schon gekommen, in der Erkenntnis, sie kann aber auch nicht im reinen Pazifismus, im ruhigen Erdulden bestehen. Das ist – meine ich – auch schon Stand der Erkenntnis. Alle Mittelwege, die bisher ausprobiert wurden, haben die endgültige Lösung auch nicht hervorgebracht.

Vermutlich lässt sich mit Kompromissen im Spannungsfeld zwischen Rache und Pazifismus, zwischen Aggression und Duldung das Problem auch nicht lösen. Die Ursachen liegen m.E. außerhalb der mit diesen Konzepten erreichbaren Späre. Die Lösung liegt womöglich darin, zu einem gemeinsamen Wertekanon zu finden, der das Gute und Bewährte aller geschlossenen Gruppen vereint und damit den Austausch und den Wechsel zwischen diesen Gruppen so weit erleichtert, bis jeder sich überall – im Kern – heimisch fühlen, sich überall an gleichen Maßstäben orientieren kann.

Der Versuch der christlichen Ökumene weist in diese Richtung und zeigt zugleich, wie schwer dieser Weg zu gehen ist. Der Versuch, einen „Völkerbund“ zu schaffen und dann die Vereinten Nationen ins Leben zu rufen, weist ebenfalls in diese Richtung und zeigt zugleich, dass dieser Weg auf „weltlichem Gelände“ keineswegs leichter zu gehen ist, als auf religiösem.

Kennzeichnend für diese Ansätze ist das Prinzip der Freiwilligkeit, der bewussten Entscheidung für eine Annäherung und die solchen Entscheidungen vorausgehende Suche nach Gemeinsamkeiten. Gemeinsamkeiten lassen sich aber nur finden, wo „Werte“ überhaupt noch vorhanden sind und verglichen werden können!

Der Weg der Individualisierung, der in der Zerstreuung endet und nur noch persönliche Werte kennt, die der engen, der winzig kleinen, eigenen Erfahrung einer Person entspringen und damit vollkommen ungeeignet sind, eine größere Ordnung abzubilden als die dem eigenen Egoismus dienliche, ist falsch und destruktiv.

Weil dieser Weg der Egalisierung durch Auflösung tragender Strukturen derzeit jedoch mit wehenden Fahnen und in einer unverständlichen Hast gegangen wird, im Kleinen durch Sprachverstümmelung und Gender-Ideologie, durch die vermeintliche Notwendigkeit eines unaufhörlichen Wettbewerbs, jeder gegen jeden, bis zum Rentenbescheid – und oft noch darüber hinaus, im Großen durch Versuche, souveräne Staaten ihrer Führung zu berauben und ihnen „westliche Werte“ überzustülpen, und das noch dazu in Form der übelsten Karikatur dieser Werte, scheint das Ziel, die gesamte Menschheit unter einem Wertekanon zu einen, derzeit in immer weitere Ferne zu rücken.

Doch wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei diesem Ziel um die Wiederherstellung einer Situation handelt, die seit Kain und Abel nicht mehr hergestellt werden konnte.

Interpretiert man die Bibel frei, dann vollzog sich mit dem Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis der Übergang zum Dualismus von „Mensch“ und „Natur“. Das „Leben“ hatte Wesen hervorgebracht, die den Versuch unternehmen konnten, sich auf einer Ebene des Bewusstseins als „abgetrennt“ vom Rest zu empfinden, die es für ihr Recht hielten, sich die Erde untertan zu machen, statt als ein zugehöriges Teil des Ganzen darin zu existieren. Doch ihre Einsicht in die tieferen Zusammenhänge ging mit der Konzentration auf das winzige bisschen „ich“, über das sie verfügten und das sie zum Maßstab wählten, zwangsläufig verloren.

Dieses „Sich-etwas-untertan-Machen“ machte vor den Angehörigen der gleichen Art nicht Halt. Der kluge Rat, den Mose auf eine Gesetzestafel schrieb: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist“, wurde nur von wenigen beherzigt und ist heute fast vollkommen in Vergessenheit geraten.

Dabei wäre, könnte dieser Rat im innersten Wertekanon der Menschheit fest verankert sein, die Gefahr von Neid und Gier, von Feindschaft und den daraus resultierenden, gewalttätigen Auseinandersetzungen schon fast vollständig gebannt! Leider erleben wir, dass Gier reich macht, dass Gier und Reichtum sowohl Feindbilder wie auch Feinde schaffen, und dass aus Feinden und Feinbildern immer wieder zwangsläufig Kriege entstehen.

Gelänge es, die Gier zu ächten, die Gierigen zur Bescheidenheit zu führen, ein Mensch- heitstraum könnte sich erfüllen. Doch diesem Menschheitstraum stehen Millionen von Träumen von Individuen gegenüber, die seine Realisierung torpedieren.

Mir ist das alles bewusst, aber ich verzweifle nicht daran, weil ich glaube, dass wir diese Epoche der Menschheitsgeschichte irgendwann überwinden werden, und weil ich nicht den Kopf in den Sand stecken will, sondern darauf vertraue, dass meine Beteiligung, mein Handeln in diesem unendlich weit über meine Lebensspanne hinausreichenden Prozess ebenso zählt, wie meine Stimmabgabe bei der Bundestagswahl. Für sich alleine nichts – aber mit allen anderen gemeinsam, die in die gleiche Richtung ziehen, eben doch erkennbar.

Noch ein Wort zu Priester Messident. Die lautmalerische Ähnlichkeit mit „Mister President“ ist Absicht und Programm. Die floskelhaft-düstere Sprache ist entlehnt von der amerikanischen Religiositäts-Industrie, die mit ihren großen, die Massen begeisternden TV-Prediger-Figuren aus der Angst ihrer Schäflein Profit generieren und zugleich politische Botschaften aussenden, denen sich die weltlichen Kandidaten nicht entziehen können, was zur sprichwörtlichen US-amerikanischen Bigotterie geführt hat, gegen die kein Kraut gewachsen und keine Wahl zu gewinnen möglich scheint.

Mein Priester Messident darf Dinge sagen, die so verquer und verbohrt sind, und er darf sie so naiv und „reinen Herzens“ sagen, wie ich sie anders nie thematisieren könnte. Es ist noch nicht einmal Satire. Es ist eine bitterböse Persiflage auf die Realsatire, die uns tagtäglich als wahr, richtig und wünschenswert vorgesetzt wird.

Ich danke Ihnen, für die Anregung, meine Gedanken in dieser Form zu artikulieren.

Diese „Arbeit“ hat nicht nur Zeit gekostet, sondern auch für mich einen Ertrag abgeworfen. Eine Schärfung der Selbsterkenntnis, eine neue Ausmessung des eigenen Standpunktes und die Zuversicht, diese Gedanken auch einem größeren Kreis zugänglich machen zu können.

Der Inhalt dieser Mail wird meinen morgigen Artikel füllen. Alle persönlichen Bezüge, die auf Sie hindeuten, werde ich dabei selbstverständlich tilgen.

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute und verbleibe mit besten Grüßen.

Ihr

Egon W. Kreutzer

Quelle: Egon-W-Kreutzer.de

Mit freundlicher Genehmigung. Danke, Wolfgang!

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