Traditionsreiche Hochtechnologie: Rüstungsforschung für Kampfdrohnen

Von Redaktion German Foreign Policy | – Bundeswehr, Rüstungsindustrie und zivile Hochschulen errichten eine neue Forschungsinstitution auf dem Gelände einer ehemaligen militärischen NS-Versuchsanstalt. Der „Bavarian International Campus Aerospace and Security“ (BICAS) soll der Entwicklung sowohl autonom agierender Kampfdrohnen als auch „ziviler Sicherheitstechnik“ dienen. Erklärtes Ziel ist die Umsetzung von Ergebnissen der Grundlagenforschung in „marktreife Produkte“ zwecks Sicherung der deutschen „Innovations- und Technologieführerschaft“.

Daneben geht es den beteiligten Waffenschmieden nach eigenen Angaben insbesondere um die Rekrutierung wissenschaftlichen Nachwuchses und um die „Weiterbildung von einschlägigen Fachkräften“. Verwiesen wird zudem auf die „Tradition“ des „weltweit einzigartigen“ Campusstandortes: Während des Zweiten Weltkriegs befand sich hier die unter der Ägide des Messerschmitt-Konzerns errichtete „Luftfahrtforschungsanstalt München“, die Triebwerke für Kampfflugzeuge entwickelte. Die notwendigen Bauarbeiten mussten Häftlinge des KZ Dachau verrichten – angetrieben durch Misshandlungen der SS-Wachmannschaft.

Innovationskraft für’s Militär

Auf dem Gelände des EADS-Konzerns in Ottobrunn bei München soll in den nächsten Jahren der „Bavarian International Campus Aerospace and Security“ (BICAS) entstehen. An dem Projekt beteiligt sind neben den Rüstungsunternehmen EADS, IABG und Siemens das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), die Technische Universität und die Fachhochschule München, das „Bauhaus Luftfahrt“ sowie die Münchener Bundeswehr-Universität. Branchenkenner schätzen den Finanzbedarf auf 150 Millionen Euro; die Bayerische Staatsregierung hat bereits die Zahlung von 20 Millionen Euro zugesagt.

Wie der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) erklärt, „vernetze“ man „Grundlagenforschung für Luftfahrt, Raumfahrt und Sicherheit“; um „Innovationskraft“ zu demonstrieren, wolle man in „neue, erstmals in Deutschland angebotene Studiengänge“, in eine „Graduiertenschule für Doktoranden“ und in ein „Gründerzentrum“ investieren.[1] Laut ihrer Präsidentin Merith Niehuss liefert die Münchner Bundeswehr-Universität dabei die notwendigen „intellektuellen Fundamente“.[2]

Wettbewerbsfähige Waffenschmieden

Das Forschungsdesign des BICAS ist folgerichtig direkt auf die Bedürfnisse von Militär und Rüstungsindustrie zugeschnitten. Um sich auf den „wachsenden Weltmärkten“ für Kriegsgerät „stark (zu) positionieren“[3], wolle man „innovative Sicherheitslösungen zur Abwehr neu entstehender Bedrohungslagen“ entwickeln, heißt es in einer Selbstdarstellung der Institution.[4]

Erklärtes Ziel ist die „Umsetzung von Forschungsergebnissen in marktreife Produkte“[5] zwecks Sicherung der deutschen „Innovations- und Technologieführerschaft“.[6] Daneben geht es den am BICAS Beteiligten nach eigener Aussage um die „Gewinnung des wissenschaftlichen Nachwuchses und dessen erstklassige Ausbildung, die Weiterbildung von einschlägigen Fachkräften sowie die Gründung und Ansiedlung von neuen High-Tech-Unternehmen“.[7]

Für den IABG-Manager Rudolf Schwarz ist der BICAS denn auch die „ideale Plattform“ für die „Kooperation mit Hochschulen und Großforschungseinrichtungen“ – im Interesse einer „Unternehmensstrategie“ zur Sicherung der internationalen „Wettbewerbsfähigkeit“.[8]

Durchsetzungsstarke Kampfdrohnen

Im Zentrum der von den Betreibern des BICAS projektierten Forschungsarbeiten steht eigenen Angaben zufolge die Entwicklung autonom agierender Kampfdrohnen, sogenannter Unmanned Combat Aerial Vehicles (UCAV). Erst unlängst veranstaltete die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR) auf dem Campus ein Symposium zum Thema. Während Rüstungsunternehmen wie die EADS-Tochtergesellschaft Cassidian bei dieser Gelegenheit ihre Neuentwicklungen vorstellten, formulierten Vertreter der Bundeswehr ihre „Erwartungen an Industrie (und) Forschung“.

So erklärte etwa Major Simon Reichelt vom Kommando Luftwaffe, UCAV stünden bei den deutschen Streitkräften „perspektivisch“ im „Fokus“; gefragt seien „durchsetzungsstarke“ und „hochautomatisierte“ Kampfdrohnen.[9] Zuvor hatte Oberstleutnant Oliver Horz vom Luftwaffenführungskommando die „automatisierte Zielerkennung, -erfassung, (und) -verfolgung“ als „missionsrelevant“ definiert.[10]

Betont wurde dabei, dass eine enge Zusammenarbeit mit der Rüstungswirtschaft auf dem Gebiet der UCAV für die Transformation der Bundeswehr zur weltweit agierenden Interventions- und Besatzungsarmee unabdingbar sei: „Ohne Industrieunterstützung werden wir in keinem einzigen der künftigen Projekte signifikante Erfolge feiern können.“[11]

Vom Fahrradrahmen zum Kampfjet

Neben der Entwicklung von UCAV sind Kohlefaserverbundwerkstoffe (Carbon Fiber Komposit/CFK) für die Betreiber des BICAS nach eigenen Angaben ein „Riesenthema“.[12] Die neuartigen Materialien werden aufgrund ihrer Leichtigkeit für den Bau von Kampfjets immer wichtiger und sind daher bei deutschen Waffenschmieden sehr gefragt. Zu den ersten „Startup-Unternehmen“, die sich auf dem BICAS angesiedelt haben, gehört denn auch die mit der Entwicklung und Produktion von CFK befasste Munich Composites GmbH, eine Ausgründung der TU München.

Man wolle „zunächst Fahrradrahmen herstellen“ und sich „später auf die Automobilindustrie sowie auf die Luft- und Raumfahrt konzentrieren“, erklärt der Inhaber Olaf Rüger.[13] Passend dazu hat das auf dem Gebiet der CFK-Fertigung aktive Augsburger Unternehmen Kuka Interesse an einer Dependance auf dem BICAS bekundet. Die Kuka AG gehört bereits zu den maßgeblichen Protagonisten des „Innovationsparks Augsburg“, der wie der BICAS universitäre Forschung mit der Rüstungsproduktion verzahnen soll (german-foreign-policy.com berichtete[14]).

Triebwerke für die Wehrmacht

Um Firmen für eine Ansiedlung auf dem neuen Campus zu gewinnen, wird von Seiten der Betreiber gerne auf dessen Geschichte verwiesen. Der Vorstandsvorsitzende des EADS-Konzerns, Thomas Enders, etwa bezeichnet das BICAS-Gelände als „eine(n) der traditionsreichsten Hochtechnologie-Standorte Deutschlands“.[15] Teil dieser Tradition ist nicht zuletzt das Erbe der NS-Zeit:

Während des Zweiten Weltkriegs befand sich hier die unter Ägide des Messerschmitt-Konzerns errichtete „Luftfahrtforschungsanstalt München“ (LFM), die Triebwerke für Kampfflugzeuge entwickelte. Die notwendigen Bauarbeiten mussten mehrere hundert Häftlinge des KZ Dachau verrichten, die in einem Außenlager nahe der LFM untergebracht waren. Misshandlungen durch die SS-Wachmannschaft waren an der Tagesordnung. Nicht mehr arbeitsfähige Gefangene wurden zurück nach Dachau geschickt; von ihnen hieß es, sie seien „ins Krematorium gegangen“.[16]

Quelle: German Foreign Policy

Mit freundlicher Genehmigung. Vielen Dank!


[1] Forschungsbereiche; www.campus-ottobrunn.de
[2] Der perfekte Standort; www.campus-ottobrunn.de
[3] Ziele; www.campus-ottobrunn.de
[4] Forschungsbereiche; www.campus-ottobrunn.de
[5] Von der Idee zum Produkt; www.campus-ottobrunn.de
[6], [7] Ziele; www.campus-ottobrunn.de
[8] Lehre; www.campus-ottobrunn.de
[9] Major Simon Reichelt: Künftige Beschaffungsplanung von Unmanned Aircraft Systems (UAS) in der Luftwaffe. DGLR-Symposium „UAV Autonomie“ – Automatisierung unbemannter Luftfahrzeuge. Ottobrunn 19./20.03.2013
[10] Oberstleutnant Oliver Horz: Sinnvolle Automatisierung militärischer HALE und MALE UAS. DGLR-Symposium „UAV Autonomie“ – Automatisierung unbemannter Luftfahrzeuge. Ottobrunn 19./20.03.2013
[11] Major Simon Reichelt: Künftige Beschaffungsplanung von Unmanned Aircraft Systems (UAS) in der Luftwaffe. DGLR-Symposium „UAV Autonomie“ – Automatisierung unbemannter Luftfahrzeuge. Ottobrunn 19./20.03.2013
[12], [13] Bavarian International Campus Aerospace and Security – Vernetzte Forschung; Wirtschaft – das IHK-Magazin für München und Oberbayern 2/2013
[14] s. dazu Stadt des Friedens
[15] Ziele; www.campus-ottobrunn.de
[16] Martin Wolf: Im Zwang für das Reich. Das Außenlager des KZ Dachau in Ottobrunn. In: Stefan Plöchinger (Hg.): Verdrängt? Vergessen? Verarbeitet? Ottobrunn, 3. Auflage, 2001

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