Wo ist euer Gerechtigkeitssinn?

Von Anabel Schunke | The Babyshambler | – Es ist das erste Mal, dass ich mich direkt an euch wende, an all jene, denen das Politische, das, was um uns herum passiert, unser alltägliches Leben in so großem Maße prägt, nicht so wichtig erscheint. Denen es so vorkommt, als hätte all das nichts mit uns zu tun.

Ich frage euch ganz direkt nach eurem Gerechtigkeitssinn und wo er geblieben ist. Denn für mich erscheint es fast unmöglich, dass wir uns in unserer so durch und durch von der neoliberalistischen Ideologie durchzogenen Welt noch zurechtfinden können, so lange wir ihn nicht zumindest zu einem großen Teil ausgeschaltet haben. Denn wenn ich auf diese Welt blicke, dann sehe ich nichts mehr, was ich mit meinem Gerechtigkeitssinn vereinbaren kann.

Und ich kann euch verstehen. Ich weiß, dass es so einfacher ist. Es ist schwer, die Welt zu nehmen, wie sie ist, wenn der Gerechtigkeitssinn noch nicht ausgeschaltet oder auf ein Mindestmaß reduziert worden ist. Es ist nicht so unbeschwert und es ist erst recht nicht unkompliziert mit Augen durch die Welt zu gehen, die mehr sehen, als das eigene Chaos, die eigenen individuellen Probleme im Leben. Aber ich glaube, dass ihr dennoch etwas spürt, dass ihr dennoch spürt, dass die Welt, wie sie ist, kein guter, kein fairer Ort ist.

Und dass sie auch nicht wieder besser, sondern zunehmend schlechter wird, dass die Verbrechen immer größer werden, dass der Reichtum sich nur einseitig verteilt, während die große Masse immer weniger hat, immer mehr ausgebeutet wird. Und genau so merkt ihr, dass das nicht die einzigen Dinge sind, die schief laufen, dass es so unendlich viele Probleme auf der Welt gibt.

Und ihr spürt, dass es nicht mehr nur weit entfernte Problematiken sind, von denen ich hier spreche. Dass die Ungerechtigkeit immer näher kommt, in kleineren Auswüchsen auch schon hier, in unserer vermeidlich so gesättigten Konsumgesellschaft, spürbar. Ihr nehmt ebenso wie ich und andere wahr, dass unsere Freiheit am seidenen Faden hängt. Und ihr habt Angst, wie wir auch. Am allermeisten vor der eigenen Zukunft.

Und so lässt sich feststellen, dass auch ihr nicht wirklich glücklich seid und dass ihr genau wie wir den Anspruch darauf hättet, viel glücklicher zu sein. Dass wir alle das Recht darauf hätten, in einer Welt zu leben, in welcher das Unglück und die Ungerechtigkeit nicht ständiger Begleiter ist, egal ob nur unterschwellig vernommen, oder direkt und intensiv. Egal, ob es uns trifft, oder andere Menschen, die wir nicht mal kennen.

Und dennoch agieren wir anders, dennoch fühlen und sehen wir anders. Dabei gibt es nur zwei wesentliche Unterschiede zwischen uns. Der Erste ist, dass wir unseren Gerechtigkeitssinn nicht reduziert haben, dass wir es zulassen, dass er uns all das, was schief läuft, intensiv spüren lässt. Der Zweite ist, dass wir idealistisch genug sind, daran zu glauben, dass wir etwas ändern können. Jener Idealismus ist es, der dafür verantwortlich ist, dass wir handeln, dass wir handeln müssen, dass wir nicht wissend in Lethargie verfallen können.

Es sind nur diese zwei Unterschiede, aber sie sind es, die diese Kluft zwischen uns entstehen lassen, die uns in zwei Teile von Menschen aufteilt, wo wir eigentlich ein Ganzes sein sollten. Sie sind es, die aus einem möglichen und starken Kollektiv nur einen wild zerstreuten Haufen Individuen macht, in dem sich jeder als alleine begreift und daher glaubt, er könne nichts ändern. Das, was uns unterscheidet, ist kein Unterschied zwischen gut und schlecht, zwischen richtig und falsch, zwischen wissend und unwissend. Es ist das Bewusste gegenüber dem Unbewussten, was den Unterschied ausmacht.

Es ist das Verständnis, sich als Teil des Ganzen zu sehen, was der in die Köpfe eingepflanzte Neoliberalismus und Neomaterialismus immer weiter zerstört. Er ist es, der uns Freiheit verspricht und uns zeitgleich zu den größten Sklaven der Menschheitsgeschichte gemacht hat, wenn es um den Geist und das Denken geht. Im Übrigen hat er dies mit jedweder Ideologie gemeinsam, so lange es kein Pendant gibt.

Und genau hier liegt das Problem. Der Neoliberalismus hat kaum noch Alternativen, die sich ihm entgegensetzen, zumindest nicht in der Mainstream-Welt. Es gibt kein Gleichgewicht und so erscheint er uns vielfach als das einzig Wahre, als das Alternativlose, weil wir als junge Generation nichts anderes als ihn kennen gelernt haben. Er ist die unbewusste Konstante, die uns so sehr lähmt, wie nichts zuvor.

Und so appelliere ich mit diesem Text an nichts anderes als euer Bewusstsein. Erweckt es und macht euch klar, dass der auferlegte Neoliberalismus in eurem Denken nicht das Ende ist. Hinterfragt, was bis dato eine Gesetzmäßigkeit darstellte und vor allem: Sucht nach eurem Gerechtigkeitssinn. Lasst ihn wieder auf vollen Touren laufen, erweitert euer zu eng gewordenes Herz und erkennt, dass es zu viel Ungerechtigkeit und Elend auf der Welt gibt, als dass wir wirklich glücklich sein könnten.

Denn wer sich als Teil des Ganzen definiert, der wird auch erst dann so etwas wie Gerechtigkeit und Glück empfinden können, wenn ein jeder eine faire Chance darauf bekommt. Und bis dahin sind es die kleinen Freuden, die kleinen Momente der Menschlichkeit und der idealistische Glaube daran, dass eine bessere Welt möglich ist, die uns am leben erhalten und uns den nötigen Antrieb verleihen.

Ja, es ist härter, es erfordert Mut, aber ich verspreche euch, dass ihr, wenn das Bewusstsein zurückkommt, anfangen werdet, intensiver zu leben als jemals zuvor. Denn so wie das Schlechte ins Bewusstsein rückt und damit intensiver wird, wird es auch euer Gerechtigkeitssinn aus dem ihr Kraft schöpft, genau so wird es das Gute, die schönen Dinge im Leben sein.

Freundschaften, Liebe, Gefühle und Emotionen an sich. Alles wird intensiver, voll ausgeschöpft und spürbar sein. Es war der Neoliberalismus, der unsere Herzen erkalten lassen hat, das Aufwachen aus selbiger Ideologie, der bewusste Umgang mit ihr wird sie wieder warm werden lassen. Und das wird wunderbar.

Zu erkennen, dass es mehr gibt als den Einzelnen, dass es viel Größeres gibt als uns, sich als Teil des Ganzen zu begreifen und die große Welt, statt das eigene kleine Leben betrachten zu können, zu erkennen, dass so viel mehr Gefühl möglich ist, ist das berauschendste und schönste Gefühl, was es gibt.

Öffnet eure Herzen wieder dafür.

Quelle: The Babyshambler

Dieser Artikel ist unter einer CC Lizenz lizenziert.

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