Wunderlicher Wertewandel

Von Egon W. Kreutzer | Egon-W-Kreutzer.de | – Wir leben in einer Gesellschaft, deren „Cremé“ es vorzieht, von Werten zu leben, statt von Leistung. Es sind dies allerdings keine moralischen Werte, sondern „Buchwerte“, hingeschriebene Zahlen, aus dem Nichts geschaffen, von der Spekulation zu Blasen aufgebläht, die sich in Grundbesitz und Edelmetall, in Luxuskarossen und Megaparties unter Gleichwertenden verwandeln, während ringsum das Elend jener wächst, die täglich ein paar Minuten vor der Tagesschau darüber aufgeklärt werden, um wieviel die Börsianer wieder reicher geworden sind, ohne dass man ihnen mit gleicher Offenheit erklären würde, dass letztlich sie es sind und sein werden, die für den Segen nicht nur schuften, sondern auch noch verzichten müssen.

Dass dieses Spiel von den Kapitalisten alleine nicht betrieben werden könnte, stünde ihnen der Staat nicht hilfreich zur Seite, hätten nicht Bundesregierungen, getragen von der Mehrheit der gewählten Volksvertreter im Parlament, den Irrsinn nicht erst durch Deregulierung möglich gemacht und durch die Unterstützung der Geldpolitik der EZB zum Exzess getrieben, kann von niemandem ernsthaft bezweifelt werden.

Lediglich über die Motive kann man geteilter Meinung sein, zumal die offiziellen Begründungen sich immer noch so anhören, als sei alles, was seit 1989 im Filz aus Geld und Politik geschehen ist und weiter angetrieben wird, jener „reine Segen“ für das deutsche Volk, der alljährlich in den Weihnachtsansprachen „Deutschland geht es gut …“, beschworen wird.

Da starren sie alle miteinander auf Werte. Auf Bonitätswerte und das Ranking von Banken und Staaten. Sie starren auf Wachstumswerte und Inflationsziele, sonnen sich im Licht geschönter Arbeitslosenzahlen und immer weiter sinkender Lohnstückkosten, beten den Götzen der „Internationalen Wettbewerbsfähigkeit“ an, für dessen Gnade und Segen kein Opfer zu groß sein darf, freuen sich, wenn der Wert der Währung verfällt, weil dies den Export befeuert – und streiten sich wie die besoffenen Bürstenbinder um jeden Euro, der unproduktiv für Soziales und Bildung aufgewendet werden soll, sind jedoch zugleich einig darin, dass Banken und Euro gerettet werden müssen, dass die Bundeswehr aufgerüstet werden muss, um mit besseren Gewehren besser töten, und mit mehr Panzern weiter ins Feindesland vorstoßen zu können, weil auch die Werte, die jenseits unserer Grenzen im Boden liegen, verteidigt werden müssen, damit der ungehinderte Zugriff der Wertegemeinschaft darauf gesichert bleibt.

Man könnte meinen, die Menschlichkeit sei ihnen vollends abhanden gekommen.

Doch dann treten sie an die Mikrofone und vor die Kameras und erzählen herzzerreißende Geschichten. Sind eigentlich bald wieder Wahlen?

Tiefe Betroffenheit spricht aus den Gesichtern, wenn sie verkünden, man müsse etwas tun, um das massenhafte Ersaufen von Flüchtlingen im Mittelmeer zu beenden.

Europa, die Festung, deren Anführer die Rettungsaktion „Mare Nostrum“ nicht mehr länger finanzieren wollten und stattdessen lieber auf Abdrängen und Abwehren durch „FRONTEX“ setzten, übt sich in Betroffenheit. Bald werden Ausschüsse und Kommissionen die Aufgabe übernehmen, bewährte 10-Punkte-Pläne zu schmieden und zu verkünden, um die Emotionen der von den Sensationsmeldungen aufgewühlten Gutmenschen: „Schon wieder 400 Flüchtlinge ertrunken“ – „Es könnten sogar 900 Tote gewesen sein“ – „Schlepper hatten die Flüchtlinge in den Laderäumen eingesperrt – keine Chance!“, in die richtigen Bahnen zu lenken.

Vielleicht kommt ja noch der 6.000 km lange Elektrozaun, der seine Energie aus Solarzellenfeldern in der Wüste bezieht, an dem Fluchtwillige dann wie die vom UV-Licht angelockten Fliegen in den Hochspannungsfallen der Freiluftgastronomen verschmoren …

Selbstverständlich alle 2 Kilometer mit Warnschildern in mindestens drei Sprachen versehen, die jedem, der sich dem Zaun nähert, klar machen, dass er selbst schuld sein wird …

So ein Zaun ist nicht schlimm. Es gibt einen Zaun zwischen Mexiko und den USA, der das Problem zwar nicht gelöst, aber doch minimiert hat. Es gibt einen Zaun, mit dem Palästinenser daran gehindert werden, sich in einem unerträglichen Maße frei zu bewegen. Die Ukraine baut einen Zaun, um sich vor russischen Invasoren zu schützen, zwischen den alten und den neuen Bundesländern gab es, als sie noch nicht so hießen, einen höchst gefährlichen Zaun, mit Minenfeldern, Selbstschuss- und Hundelaufanlagen.

Nicht umsonst heißt es: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!“, und was könnte besser auf drohende Gefahren hinweisen als ein schöner, stark befestigter, gut bewachter Zaun?

Ja, wenn die Richtigen kämen!

Es kommen aber nicht diejenigen, mit denen sich wirkliche Werte gestalten ließen. Nach den hochqualifizierten Fachkräften, die den DAX und das BIP in die Höhe und die Kosten in den Keller treiben könnten, hält man unter den Bootsflüchtlingen vergebens Ausschau.

Es hilft also nichts. So lange immer noch Flüchtlinge auf die Boote kommen und Boote es schaffen, die EU-Küsten zu erreichen, wird man an den Symptomen kurieren müssen. Teils mit der stillschweigenden Duldung einer großen Zahl Illegaler, worüber sich die Wirtschaft freut, weil die besonders gefügig und preiswert zugleich sind, teils mit der verbalen Unterstützung örtlicher Flüchtlings-Hilfsvereine, die sich doch bitte künftig jenen Ärger zuziehen sollen, der regelmäßig ausbricht, wo eine Flüchtlingsunterkunft ausgewiesen wird, und teils natürlich auch mit noch einfacheren Verfahren zu schnellstmöglichen Ausweisung und Rückführung.

Ach ja, die Moral.

Sie taucht auch unversehens dort wieder auf, wo es endlich gelungen ist, einen alten Mann der dreihunderttausendfachen Mithilfe beim Massenmord zu beschuldigen und auf die Anklagebank zu setzen.

KZ-Buchhalter. Auf so einen Beruf muss man erst mal verfallen! Damals gab es ja die modernen Regelungen noch nicht, mit denen man Menschen vom Leistungsbezug abschneiden konnte, wenn sie eine Tätigkeit als unzumutbar ablehnten. Heute gibt es für Langzeitarbeitslose keine Zumutbarkeitsgrenzen mehr, heute könnte sich der Beschuldigte womöglich darauf berufen, dass ihn sein Fall-Manager gezwungen habe …

Doch ich schweife ab. Die Moral, die hinter diesem Verfahren steht, ist die Moral der Rache, nach dem Motto: „Den letzten beißen die Hunde“. Es war in meinen Augen schon ein Fehler, die Verjährung für Mord aus dem Gesetzbuch zu streichen, denn auch das ist nur einem Rachegedanken geschuldet, der auf der friedensstiftenden Idee „Auge um Auge – Zahn um Zahn“ gegründet ist und den Keim jeglicher Blutrache und Völkerfeindschaft in sich trägt.

Doch es ist pervers, nun zu den Jahrestagen des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrationslager ausgerechnet einen kleinen Buchhalter vor Gericht zu zerren, der das Pech hat, anlässlich dieser Gedenktage als noch lebender Täter als Exempel dafür herzuhalten, wie gut das entnazifizierte Deutschland seine Vergangenheit bewältigt.

Ein entnazifiziertes Deutschland, das einerseits unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches von einer großen Zahl reingewaschener und bekehrter Nazis in hohen und höchsten Ämtern durchsetzt war (hier nur eine kleine, aber beeindruckende Auswahl) und andererseits heute, in Bündnistreue fest, die Augen vor allem verschließt, was gegen Völker- und Menschenrecht gleichermaßen verstößt. Müssten nicht die in Ramstein sitzenden Drohnenpiloten, die nicht „Mittäter“ sondern „Täter“ sind, viel dringender vor ein Gericht gestellt werden, zusammen mit ihren militärischen und zivilen Befehlshabern?

Müsste nicht jeder, der im Verdacht steht, einen Umsturz in einem souveränen Staat herbeizuführen und dafür Milliarden von Dollars bewegt zu haben, unmittelbar vor den Internationalen Strafgerichtshof gezerrt werden?

Müsste man nicht fragen, ob die Lüge von den irakischen Massenvernichtungswaffen, die als Rechtfertigung für einen verheerenden Krieg diente, nicht auch einer Untersuchung durch ein ordentliches Gericht wert wäre, so wie auch die Gräueltaten in den Foltergefängnissen?

Müsste nicht irgendein Buchhalter in Guantanamo, der für die Beschaffung der Verpflegung des Wachpersonals und für den regelmäßigen Austausch der Halogenstrahler über den Käfigen der Gefangenen zuständig ist, wegen Mittäterschaft angeklagt werden?

Solange dies nicht geschieht, solange man zwar in China pflichtgemäß noch einen Satz über die Menschenrechte ablässt, bevor die Wirtschaftsdelegationen ihren Job machen können, aber sich nicht traut, in Washington ein Wort über die dort geübte Menschenrechtspraxis zu verlieren, solange das Leben in Palästina sich nur in Nuancen vom Leben im Warschauer Ghetto unterscheidet, den dortigen „Wächtern und Buchhaltern“ aber atomwaffenfähige Unterseeboote nicht nur geliefert werden, sondern auch noch ein Teil der Kosten dafür übernommen wird, solange ist von einem Wertewandel nichts zu erkennen.

Empörung über einen KZ-Buchhalter – das ist vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse auf dieser Welt etwas, das mit dem Begriff „Heuchelei“ auch nicht ansatzweise zu benennen ist, und Trauer über ertrunkene Flüchtlinge ist solange vollkommen unglaubhaft, wie sich die Politik nicht zu wirklichen Lösungen bewegen lässt, die jenseits von Abwehr und Abschiebung angesiedelt sind.

Es würde aber Geld kosten, und es würde die Exportchancen im Internationalen Wettbewerb beeinträchtigen, es würde das BIP und das Wachstum beschädigen und den steilen Anstieg des DAX behindern, wollten wir davon absehen, unsere Gier als „Interessen“ zu bezeichnen, die überall auf der Welt gewahrt werden müssen.

Wollten wir davon absehen, dass mittels eines gezielt herbeigeführten „Regime Chance“ der Zugriff auf Ressourcen und die geostrategische Lage zu unseren Gunsten verbessert würden, wollten wir aufhören, als „Mittäter“ die Weltherrschaft anzustreben und stattdessen einfach in gutem Einvernehmen und in fairem Handel mit allen Völkern dieser Welt den Planeten zu einem guten Ort für alle zu machen.

Der DAX und das BIP, der Euro und die Troika, die NATO und ihre Speerspitze, der Leopard und ein treffsicheres Sturmgewehr – das ist es, was zählt.

Und wie im Dritten Reich, wie in der ehemaligen DDR und vielerorts sonst, gilt auch in unserer Gesellschaft der Slogan der Lottoveranstalter: Nur wer mitspielt, kann gewinnen.

Quelle: Egon-W-Kreutzer.de

Mit freundlicher Genehmigung. Danke, Wolfgang!

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